Deutschland im Kalten Krieg, insbesondere die Region Ostwestfalen-Lippe

Wenn man heute an die Zeit zurück denkt, als in Europa noch der „Kalte Krieg“ wütete, dann kann man eigentlich nur mit ein wenig Wehmut an diese Zeit zurück denken. Zum einen war die Sicherheitslage „übersichtlicher“, d.h. es gab nur zwei große Parteien, nämlich die NATO und den Warschauer Pakt, zum anderen hatte man zwar Angst vor einem dritten Weltkrieg, aber im Nachhinein muss man die damalige Zeit weitaus sicherer bewerten als heute. Kein Terror, keine neuen Atommächte, keine fundamentalistischen Staaten, die die freie Welt bedrohten.

Für alle, die diese Zeit nur aus Erzählungen kennen und besonders auch für die jüngeren Interessierten, sollen die folgenden Zeilen zeigen, wie es in den achtziger Jahren in Deutschland und speziell im Raum OWL und in und um Gütersloh „richtig zur Sache ging“!

Manöver der Heereseinheiten:

  • Ich erinnere mich an ein NATO-Manöver Ende der siebziger Jahre: Mitten in der Nacht wurde ich wach durch eine brummendes Geräusch und das typische Rasseln von Ketten. Innerhalb kurzer Zeit waren auch meine Eltern und mein Bruder wach und wir gingen an die Haustür um zu sehen, was dort los war. In unserer kleinen Straße standen nicht weniger als zehn Kampfpanzer vom Typ Leopard 1 des deutschen Heeres, mit laufenden Motoren und warteten auf das Kommando zur Weiterfahrt bzw. machten eine Pause. Und das mitten in der Nacht gegen halb vier! Doch nicht, dass die Bevölkerung sich irgendwie beschwert hätte! Nein, unsere Nachbarn kamen mit heißen Getränken wie Kaffee und Tee aus den Häusern und brachten sie den Soldaten. Nach ca. 45 Minuten fuhr der Verband weiter und hinterließ bei mir ein Gefühl, dass wir doch irgendwie gut beschützt werden.
  • Noch Anfang der achtziger Jahre übte die britischen Army an unserem kleinen Bahnhof in Clarholz das Verladen von Schützen- und Sanitätspanzern auf Güterzüge. Dabei konnten wir Kinder auch den einen oder anderen Blick in die Fahrzeuge werfen. Die Briten waren wie immer sehr freundlich und ließen uns auch zwischen den Panzern hin und her laufen. Unsere alte Verladerampe, die noch aus den dreißiger Jahren stammte, konnte jedoch den Ketten der Panzer nicht trotzen und wurde zum Teil erheblich beschädigt. Eine ganze Woche dauerte die Belagerung unseres Bahnhofs.
  • Im Nachbarort Herzebrock waren während eines Herbstmanövers mitten im Ort mehrere Einheiten britischer Soldaten stationiert. Dabei waren auch mehrere Gazelle AH.1 des Army Air Corps, die von dort auch ihre Verbindungs- und Beobachtungsflüge unternahmen. Wir Kinder und Jugendliche durften sogar die, wenn auch ungeladenen, MP und Gewehre der Soldaten in die Hand nehmen und man erklärte uns alles ganz genau. Heute stehen auf der Fläche des damaligen Manöverlagers mehre Wohnhäuser und auch damals war das Camp praktisch mitten im Ortskern und Herzebrock eine Woche faktisch von den Briten belagert.
  • Im Jahr 1986 führte die 662.Sqn. des Army Air Corps mit acht Lynx und Gazelle eine Verlegung in den Raum Clarholz durch und flog mehrere Tage von einer Wiese in der Nähe eines Schrottplatzes aus. Die 663.Sqn. lag mit allem dazugehörigen Equipment auf und bei der Brennerei Westhoff-Schöning und belagerte den großen Hof der Familie wie im Verteidigungszustand. Sicher wurde die Familie für die Tage gut entschädigt!

Manöver der NATO-Luftwaffen:

  • Während der jährlichen Luftwaffenübung „Central Enterprise“, die immer im Sommer stattfand, durften die Maschinen im Zeitraum 7.30 bis 22.30 Uhr in bestimmten Gebieten bis auf eine Flughöhe von 75 Metern runter gehen. Interessanterweise gehörte auch das just außerhalb der Kontrollzone von RAF Gütersloh liegende Clarholz zu den bestimmten Gebieten. Ich erinnere mich an deutlich mehr als einen Abend in meiner Jugend, dass Phantom, Harrier, Buccaneer und Co. auch nach 22 Uhr in 75 Meter Höhe über unser Haus rasten, als ich schon längst im Bett lag. Das kurze und laute Überfliegen in niedrigster Höhe gehört auch heute für mich noch zu den intensivsten Erlebnissen dieser Zeit!
  • Ostwestfalen-Lippe lag zu einem großen Teil im so genannten Raketenabwehrgürtel der NATO. Dazu gehörten die Raketenstellungen des 3.GGW der KLu mit den Staffeln in Aerzen-Laatzen, Velmerstot, Rinteln-Goldbeck und Schieder-Schwalenberg. Zusätzlich gab es die Nike-Hercules-Stellungen (u.a. Münster-Handorf bis 1975 und Borgholzhausen bis 1983) sowie die belgischen Stellungen (u.a. Willebadessen) und die deutschen Batterien. Die Stellungen wurden regelmäßig in der Woche von den verschiedenen NATO-Fightern im Tiefstflug und in großer Masse angegriffen, während NATO-Manövern auch mal an Samstagen und Sonntagen!
  • Neu gebaute Autobahnabschnitte wurden von den NATO-Fliegerverbänden immer zur „Einweihung“ beflogen. So die neue Autobahn A33 bei Stukenbrock durch Harrier der 3. und 4.Sqn. im Jahr 1986 und einige Jahre vorher die A27 bei Ahlhorn, die durch Luftwaffen- und RAF-Verbände eine oder zwei Wochen genutzt wurde.

Das Flying an „normalen Tagen“

  • In den sechziger und siebziger Jahren war es für die Fighter-Einheiten der Royal Air Force noch üblich, auch an Samstagen zu fliegen. So wurde der wöchentliche Flugbetrieb erst am Samstagmittag beendet. Dafür war am Mittwochnachmittag flugfrei für die Piloten und es fand stattdessen der wöchentliche Sport statt!
  • Auch an Tagen außerhalb der NATO-Manöver wurde RAF Gütersloh von verschiedenen Jagdbombern angegriffen. So wie an diesem einen Tag in kurzer Folge angriffen:
    4 amerikanische F-111, 3 belgische F-16, 3 deutsche Starfighter, 3 amerikanische A-10, 3 amerikanische Phantom
  • Neben den sechziger und siebziger Jahren waren auch die achtziger Jahre für ihre zeitweisen Massenbesuche von Flugzeugen und Hubschraubern in Gütersloh berühmt. So konnten zu unterschiedlichen Zeiten über die Jahre aber dann schon jeweils an einem einzigen Tag beobachtet werden:
    31 U.S. Army Hubschrauber (10 Cobra, 16 Kiowa, 3 Black Hawk, 2 Huey) 21 belgische Alouette II 16 britische Buccaneer des Laarbruch Wing 14 amerikanische OV-1 Mohawk 12 britische Hawk der 1.TWU 11 amerikanische F-16 aus Ramstein 11 britische Jaguar des Brüggen Wing 10 französische Mirage 5F 10 holländische NF-5 8 belgische Mirage 5 6 dänische Draken
  • Mehrfach in der Woche hörte man Überschallknalle, entstanden entweder durch Fighter beim Luftkampf oder aber durch die Alarmmaschinen der NATO, die „ohne Rücksicht auf Verluste“ ihre Air-Policing-Aufgaben wahrnahmen.
  • An manchen Tagen kamen wir mit dem Aufschreiben der Seriennummern nicht mehr nach. Erst drehten belgische Mirage 5 in die Platzrunde, sie waren noch nicht unten, da kamen auch schon zwei Jaguar GR.1 der 2.Sqn. aus Laarbruch am Niederrhein zur Landung herein. Bis zu 12 oder 13 Fighter waren an manchen Tagen auf dem Boden in EDUO vertreten, dazu kamen noch vier bis sechs Overshoots und Transporter und Hubschrauber. So ging es dann weiter bis zur Mittagspause oder bis die beiden Harrierstaffeln an den Start gingen, bzw. vor der Landung ihr „Karussell“ begannen. Dieses Karussell bestand daraus, dass mehrere Harrier gleichzeitig den Flugplatz anflogen, um dann hintereinander durchzustarten, Senkrechtstarts und -landungen durchzuführen, auf der Startbahn herumstanden oder einfach nur hohe Überflüge unternahmen. Wenn dies dann auch noch beide Staffeln gleichzeitig taten und das mit jeweils 6-8 Maschinen, dann kann man sich vielleicht vorstellen, daß es ein wahnsinniges Kreuz und Quer, ein einzigartiges Rein und Raus und trotzdem ein geordnetes Chaos war. Noch heute, wenn ich daran denke, tue ich dieses mit großer Bewunderung für die Fluglotsen im Tower, denn nie ist irgendetwas passiert, was auf einen Fehler der Lotsen hinweisen könnte. Einen Zusammenstoß zwischen zwei oder gar mehr Flugzeugen hat es in EDUO nie gegeben.
  • Auch zwischen den Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel fand in RAF Gütersloh und sicher auch allen anderen Basen in Deutschland normaler Flugbetrieb statt, wenn auch ohne Besucher und nur mit den eigenen Maschinen.
  • An die Klassenfahrten, an denen ich als junger Schüler teilgenommen habe, kann ich mich nur noch vage erinnern, viel mehr blieb mir aber das Flying der NATO-Maschinen im Sauerland und Münsterland im Gedächtnis. Bei einer Radtour nach Münster überflogen und Achter-Formationen von belgischen Mirage 5 und holländischen NF-5 im Tiefflug. Während des Wanderns im Sauerland konnte ich Schwärme von deutschen Starfightern, britischen Buccaneer und Jaguar und amerikanischen Phantom sehen, die beinahe im Minutentakt über uns flogen!
  • Um von den Fliegerhorsten mit Kampfflugzeugen zu sprechen: Es gab in den 80er Jahren neben den 15 deutschen Fighter-Standorten Wittmund, Neuburg, Nörvenich, Lechfeld, Büchel, Memmingen, Pferdsfeld, Hopsten, Husum, Oldenburg, Fürstenfeldbruck, Eggebek, Jagel, Leck und Bremgarten auch noch die vier RAF-Flugplätze Wildenrath, Brüggen, Laarbruch und Gütersloh, den kanadischen Fighter-Platz Söllingen, sowie die US-Fighter-Basen Hahn, Bitburg, Spangdahlem, Zweibrücken und Ramstein. Das macht zusammen 25 Fighter-Standorte mit jeweils im Durchschnitt 50 Maschinen, somit 1.250 ständig stationierte Kampfflugzeuge auf deutschem Boden. Dazu kam die WTD61 in Manching sowie die A-10-Detachments in Leipheim, Nörvenich und Ahlhorn. Zu den ca. 1.300 Fightern in Deutschland kamen die regelmäßig einfliegenden Niederländer, Belgier, Italiener, Norweger, Dänen, Franzosen, die in Großbritannien stationierten Fighter und andere dazu. So kam es im Durchschnitt alle zwei Wochen im normalen Einsatz oder im Tiefflug zu einem Fighter-Absturz. Heute sind ganze acht Fighter-Plätze verblieben, mit ca. 300 Kampfflugzeugen und die Bevölkerung schreit bereits bei einem Absturz im Jahr Zeter und Mordio! In Gütersloh verging praktisch keine Woche ohne mindestens eine bis drei Luftnotlagen!

Flugtage im Kalten Krieg

  • Fast jeder noch so kleine zivile Flugplatz war in den siebziger oder achtziger Jahren Ausrichter einer mehr oder weniger großen Flugshow. Dabei waren die Militärs zum Teil in erheblicher Anzahl vertreten, wenn auch häufig als „Flying Only“, weil die Örtlichkeiten die Landung von Kampfflugzeugen einfach nicht erlaubten. So war der Flugplatz „Auf dem Dümpel“ bei Gummersbach immer mit Maschinen der halben Royal Air Force gesegnet. Und im Jahr 1983 war der kleine Flugplatz Damme nördlich von Osnabrück in der Lage, die „Red Arrows“ zu präsentieren. Sie flogen von Gütersloh aus. Der Army Air Corps Flugplatz Soest konnte während eines Flugtages im Jahr 1986 für das Flying Display gar F-16 aus Torrejon/Spanien für sich verbuchen und auch Gütersloher Harrier waren im Flying und Static vertreten.

Die Liste der  Beispiele ließe sich unendlich und beliebig verlängern und zeigt freilich nur einen kleinen Ausschnitt des Ideenreichtums der NATO, wenn es darum ging, den Ernstfall zu üben und zu simulieren.

Man stelle sich das Ganze heutzutage vor! Undenkbar!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Diesen Bericht habe ich mit viel Wehmut gelesen. Gut, dass der Kalte Krieg vorbei ist. Spannender war es allerdings mit.

    Gruß aus Bavaria

  2. Hallo Herr Herbote,

    ganz herzlichen Dank für diese Darstellung! Sie ruft einiges wieder wach und erinnerte an eine der – mit Verlaub – geilsten Zeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Denn aufgrund der einmaligen geopolitischen Lage (West)-Deutschlands dürfte kaum ein anderer Landstrich der Erde dermassen in den Genuß von tieffliegenden Jets unterschiedlichster Nationen und Typen in der beschriebenen Massierung gekommen sein!

    Ich wohnte am südlichen Rande der Tiefflugzone 1 (Haselünne) und bin in den 1980er nach den Hausarbeiten immer raus auf eine kleine Anhöhe, um zu spotten. Damals wußte ich nicht, dass es für das Beobachten von militärischen Jets in ihrem natürlichen Habitat auch Fachworte gab. Aber seis drum. (Hätte man damals die digitale Fotoausrüstung unserer Tage gehabt … dann wäre auf Youtube noch besserer Filme aus dieser Zeit zu sehen)

    Jetzt als Familienvater kann man nur hoffen, dass es nie zu einem realen Showdown kommt, wie er zuvor von der NATO jahrzentelang geübt wurde. Da kann ich mich dem oberen Poster nur anschließen.

    Nochmals vielen Dank für die bilder und diese Seiten, Herr Herbote!

    Viele Grüße
    Dorsten

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